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9 Tage

Danke jenen, die mich bis jetzt unterstützt haben: Der Betrag kam bis auf einen Resten zusammen.
Beim Crowfunding ist es ja so, dass das Projekt nur zustande kommt, wenn alles, bis auf den letzten Rappen,
zusammen kommt.

Ich habe noch 9 Tage :-)

Ihr könnt mich noch fördern, indem ihr das Buch vorbestellt. Ihr wählt den Betrag, der es euch wert ist.

Hier ist der Link zur Seite :

http://www.100-days.net/de/projekt/die-tote-von-saint-loup

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Mutter

Meine Mutter war nicht meine Mutter.
Sie übernahm diese Rolle, weil die Frau, die mich gebar, nicht imstande war, eine Mutter zu sein.

Meine Mutter war ein ganz besonderer Mensch mit einer ganz besonderen Geschichte. Sie lehrte mich vieles und sie hatte meistens Recht. Vieles verstehe ich erst in der Retrospektive als Frau mit eigenen Kindern.
Ich staune auch über ihren Mut, mit 50 noch ein winziges Baby aufzuziehen. Sie hat es gut gemacht, denke ich.
Eines was sie mir auf den Weg gab ist der Satz: “Wenn jemand nicht gerne Kinder oder Tiere hat, geh ihm aus dem Weg !”

Wie Recht sie hatte. Ich habe mich stets daran gehalten und ich fuhr gut damit.

Wie gerne würde ich morgen zu ihr fahren und ihr all das sagen, was ich nicht mehr sagen konnte.

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Meine französische Familie

Ich erinnere mich noch genau an den Tag: Weihnachten war gerade vorüber und draußen waren die Felder morgens mit Rauhreif überzogen. Das alte Haus war schlecht zu heizen, bei den knorrigen Fenstern pfiff der Wind zwischen die Ritzen des Rahmens, man trug drei Socken übereinander, um nicht zu frieren. Nachts hatte ich alle Decken über mich gezogen, die verfügbar waren.
Ich war fünf oder sechs und ich schlief im gleichen Bett wie meine Grossmutter. Wenn ich zurückdenke, rieche den pudrigen Duft, den sie stets trug.

Die Küche war der wärmste Ort: Die Grosstante kochte oft auf dem Feuer, obwohl sie einen Elektroherd besass. Das Wohnzimmer nebenan war gleichzeitig das Esszimmer. Sie liess die Türe weit offen, damit die Wärme herüberzog.

Oma und ich hatten den Tisch feierlich gedeckt mit Servietten aus Leinen, einer Tischdecke aus Stoff und dem schönen Geschirr meiner Grosstante, das sie nur an Feiertagen aus dem Geschirrschrank nahm. Da waren Gäste, Familienangehörige, an die ich mich kaum erinnere. Die mich immer wieder berührten, mich küssten und mir befremdene Kosenamen gaben, die wir in der Schweiz nicht kannten. Auch die körperliche Nähe war für mich eher ungewohnt.Frankreich war anders, ganz anders. Das stellte ich schaudernd fest, als ich in die Küche ging, weil ich den vielen Menschen aus dem Weg gehen wollte, die alle im Wohnzimmer sassen.

Die Grosstante rührte in einer grossen Cocotte aus rotem Gusseisen. Es roch nach Knoblauch, alles war in Dampf gehüllt, so ungewohnt heiss war es. Sie sagte, ich solle mich nützlich machen oder, noch besser, ihr aus dem Weg gehen. Ich ignorierte sie und versuchte, den Blick in die Pfanne zu werfen. Zuerst schaffte ich es nicht, als ich auf die Zehenspitzen stand, ging es: In dem Bräter lagen Frauenbeine! Winzige Frauenbeine, die kaum grösser als meine Handfläche waren. Etwa drei Dutzend bleicher Beine bruzelten im Fett.
Meine Grosstante zog mich weg. Lass das. Geh, wir essen gleich. Ich wollte wissen, was da in der Pfanne brät. »*Froschschenkel!« Sagte sie.

Ich ging vor das Haus, lief dort eine Weile im Kreis. Das französische Dorf war klein, arm und still. Als ich später am Tisch sass mit den anderen, schöpften sie mir drei von diesen hässlichen Beinen auf den Teller. Ich schob ihn weg, was als sehr unhöflich galt. Besonders, da Besuch da war.

An diesem Tag ging ich früh ins Bett. Nicht weil ich es wollte: Ich wurde tadelnd dorthin geschickt.

In den letzten Tagen war ich wieder dort, in dem kleinen, französischen Dorf. Zumindest in der Nähe. Zusammen mit meinem Cousin, der meine Erinnerungen teilt, weil er noch öfter als ich mit Oma und Opa dort war. Wir suchten Spuren, Erinnerungen. Schliesslich landeten wir in Metz: Hier nahm alles seinen Ursprung. Oma, die Opa kennenlernte und die beide im Krieg in die Schweiz flüchteten.
Eine emotionale Reise zurück nach vorne: Wenn man verstehen will, wie das Muster eines Teppich gewebt wurde, muss man die Rückseite ansehen.

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*In Metz werden noch immer Froschschenkel als Delikatesse in Restaurants angeboten.

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Mit allen Sinnen

Die Sonne scheint, das erste Mal seit Tagen. Ich bin im Wald, es ist so kühl, dass ich mich in einen dicken Schal gewickelt habe. Die Kleinstadt schläft noch oder frühstückt mit den Kindern und der Oma, die an Ostern mit dabei sein darf.
Die Füsse landen sanft auf dem dicken Waldboden, auf dem Humus aus Tannennadeln. Der Wolf  dreht sich um, schnuppert. Er ist immer rascher als ich, immer. Er riecht und hört und fühlte das Vorhandensein von etwas noch Unbekanntem schneller. Wenn er zuhause nachdenklich in die eine Ecke im Wohnzimmer starrt, still, ohne Anzeichen von Angst oder Befremdung, wird mir mulmig: Ich sehe nichts. Nie. Und es ist immer die gleiche Ecke, die seine Aufmerksamkeit weckt. Kürzlich war es die Katze, die den genau gleichen Ort anstarrte.
Was siehst du?Fragte ich. Sie drehte sich kurz zu mir um, nur um sich gleich wieder dieser Ecke zuzuwenden.

Ein schwarzer Labrador ist die Ursache seiner Aufmerksamkeit im Wald. Vierzehn Jahre sei er alt, sagt sein Besitzer. Während die Hunde spielen, reden wir. Nichts besonderes, nur über das Wetter, die Politik (ein bisschen, nur nicht zu konkret werden) und über unsere Hunde. Der Mann hat leicht vorstehende Vorderzähne, er sieht damit aus wie ein Kaninchen. Ich binde meine Turnschuhe neu, damit ich mein Lachen zurückhalten kann.

Sie gehen in eine andere Richtung, der schwarze Hund und der Mann. Wir laufen noch eine Weile. Die Leute werden wach und erscheinen zahlreich im Wald. Jogger: “Grüezi, guten Morgen.”, Radfahrer, “Danke. Grüezi.” (Das Danke gilt mir, weil ich den Hund ins ‘Fuss’ nehme, wenn wir kreuzen.)
Wir bekommen Hunger und laufen heim. Mit der Kaffeetasse in der Hand, die mit den Sternen auf schwarzem Grund, stelle ich mich unter die mysteriöse Ecke. Starre hoch mit fragendem Blick. Nach einer Weile kommt mein Wolf hinzu, er schaut mich neugierig von der Seite an, dann kurz zur Ecke empor. Schliesslich trottet er an seinen Lieblingsplatz, lässt sich fallen, schläft kurz darauf ein.

Was auch immer dort ist, es taucht nur zu bestimmten Zeiten auf. Heute ist es nicht hier.
Manchmal wüsche ich mir die Sinne eines Hundes. Oder auch nicht. Aber das weiss ich erst, wenn ich es getestet habe.

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Kuba ist in Basel

Es ist Samstagabend. Früh genug, um noch Party zu machen, aber gleichzeitig auch die richtige Uhrzeit, um sich unter die Decke zu kuscheln um zu schlafen. Die Decke auf dem Bett ist von einem sterilen weiss, die Wände ebenso. Die Atmosphäre eines Krankenzimmers oder, noch schlimmer, einer Zelle. Draussen regnet es leicht, es ist kalt. Ich stehe am Fenster und betrachte die Stadt unter mir, die nicht meine ist.
Sie ist es genauso wenig, wie die Decke. Oder das Zimmer.

Ich hänge meinen Gedanken nach, sortiere die Worte, die ich tagsüber am Workshop geboren habe. Ziehe sie auf eine Schnur, entwerfe eine Kette aus Sätzen. Ob ich mich einsam fühle? Nein, ich mag das gelegentlich: Fremde Orte sind mir nie lange fremd. Der Tag war kopflastig, der Regen nervt. Ich habe irgendwo bei einem Chinesen gegessen. Etwas mit Tofu und Reis. Auf der weissen Bettdecke, die wirklich so weiss ist, dass sie beinahe leuchtet, liegt mein Buch. Ich bin bei Seite zweinhundertirgendwas. Es liest sich flüssig, der Schreibstil ist klar und gut. Dennoch weiss ich nicht, ob ich die Geschichte mag, oder nicht.

Die Fenster sind neu. Man hört das Bimmeln des Trams nicht, keine Geräusche der Menschen, die vorbei laufen, nicht mal den strömenden Regen.
Ich öffne es, will es im ersten Augenblick wieder schliessen, weil die Luft so kalt ist. Das Buch, denke ich, ich werde lesen.
Dann höre ich die Musik, laute Trommeln, die sinnliche Stimme einer Frau, (aus Afrika, da bin ich sicher), eine Gitarre. Noch mehr Trommeln. Unten am östlichen Ende des Platzes steht eine Bühne. Trotz Regen stehen Leute dort, sie klatschen, singen mit und sie tanzen. Die Bühne ist in rotes Licht getaucht, es sieht aus, als würde es brennen. Ein heisses Buschfeuer.

Mir steigt der Geruch von Marihuana in die Nase. Jemand qualmt unter dem Fenster. Ich merke, wie ich mit den Füssen wippe, meinen Körper im Takt der Musik am Fenster wiege. Es ist nicht meine Musik, dafür ist sie zu wenige rockig. Aber es passt in den Tag, in die Stadt, in den Moment.
Gut, denke ich, dann kannst du ja runter gehen. Wenn du eh schon hier herum tanzt. Alleine tanzen ist doof.
Ich schliesse die Türe mit dem Schlüssel, stecke diesen in die Tasche meiner Jeans. Renne die Treppe des Hotels herunter, begegne niemandem. Dann über die Strasse, direkt zum Platz. Hin zur Musik. Vor die Bühne. Hinein in die Menschenmenge, die mich aufnehmen und mir Schutz bieten. Eingekuschelt in die Körper fremder Menschen.

In diesem Augenblick stimmen sie diesen Song an. Ich kenne ihn, klar. Mehr nicht. Irgendwo setzt eine Bewegung ein, es bereitet sich aus wie ein grosses, organisches Etwas, das sich kollektiv entwickelt und eine eigene Dynamik bekommt. Eine Strömung, in dessen Sog ich mich befinde. Es zieht mich nach rechts, nein, nach links. Egal. Der Regen hört auf und ich spüre, dass ich längst den Boden unter den Füssen verloren habe. Ich schwebe. Alle schweben. (Hier möchte ich darauf hinweisen, dass ich stocknüchtern war und es auch blieb.) Der Rhythmus ist längst in mir drin,fliesst, bringt die Synapsen zum Lachen.
Zum Glück dauert dieser Song ewig, sie ziehen ihn so in die Länge, dass ich das Gefühl habe, stundenlang in Kuba an einer Strandparty zu sein.

Ich weiss nicht mehr, wann ich diese Feier verlassen habe. Wenn man mich aber heute fragt, was mir am meisten Eindruck gemacht hat in den zwei Tagen dort, dann weiss ich genau, was ich sage.
Und ein Geheimnis behalte ich für mich: Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich Sand an meinen Füssen.

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Basel und Literatur

basel
Ich war über das Wochenende in Basel an einem Workshop. Geleitet wurde es von Klaus Siblewski und Melitta Breznik.
Der Kopf ist bis oben hin voll mit trudelnden Worten und Gedanken. Diese Stadt traf mich mitten ins Herz: Soviel Inspiration, dass es beinahe über läuft.
Ich stelle mir  ein grosses Regenfass vor, das unter einer Regenrinne steht. Irgendwann kommt der letzte, zaghafte Tropfen. Wenn er auf die Oberfläche klatscht, läuft das Wasser über. Damit das nicht passiert, lasse ich alles setzen: Bevor ich hier meine Eindrücke, fein säuberlich sortiert und mit passenden Klebern zu den Themen versehen, preis gebe.

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