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Lass los

Es regnet Holzsplitter. Sie legen sich auf meine Haare, das T-Shirt und die nackte Haut an meinen Armen. Ich bin übersät mit winzigen Holzteilen.
Der Himmel über mir ist so unglaublich blau, dass er fast kitschig ist. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Himmel an sich keine Farbe hat. Das Blau ist nur eine Spiegelung des Wassers: Unser Planet ist ein blauer.
Irgendwo bellt ein Hund, meiner ist es nicht. Er liegt aufmerksam unter der alten Holunder, geschützt durch ihr Blätterdach. Ab und zu raschelt es im Laub. Ein Spatz knabbert genüsslich an den beinahe reifen Beeren. Manchmal fällt eine Beere auf die Wiese oder das Fell des Hundes.

Ich drehe mich um, gehe die Treppe in den Keller hinunter, hole neues Material. Wenn ich es in die grosse Mulde vor dem Haus werfe, kraftvoll, wütend und mit Schwung, rieseln Holzsplitter auf meine Haare, die Haut und meine Schultern.
“Lass los. Entlaste dich von Gegenständen, die du nicht brauchen kannst. Wirf sie weg. Befreie dich!” Sage ich zu  mir selbst.
Wir ziehen um. Es ist  mal wieder an der Zeit, das spüre ich. Die Nomadin will weiter, sie fürchtet in ihrem Leben nicht mehr, als Stillstand. Stagnation ist gleich wie tot.
Als ich die Kiste mit den Kinderzeichnungen finde, zögere ich. Das Bild mit den Pusteblumen meines Sohnes, er war zehn, als er es malte. (Steht hinten. Der Name und das Jahr. Sonst hätte ich das nicht mehr gewusst.) So sorgfältig gezeichnet, die winzigen Fallschirme der Blume. Hunderte sind es. Ich bin gerührt, setze mich auf den Boden und verliere mich in den Betrachtungen dieser Erinnerungen.
Das Aquarell meiner Tochter, die von allen drei Kindern am liebsten malte. Plötzlich, zwischen den Zeichnungen, das Klassenfoto des ältesten Sohnes. Ich erkenne ihn wieder. Hätte ihn aus tausenden heraus erkannt, auch wenn er jetzt ganz anders aussieht.

Die Sonne brennt auf meinen Kopf. Der blaue Himmel leuchtet. Ich sitze im Schneidersitz mit einem leeren Karton auf dem Parkplatz vor dem Haus. Neben mir eine Mulde, die randvoll gefüllt ist mit alten, zerdepperten Möbeln. Wenn jetzt jemand vorbei käme, würde sich diese Person fragen, warum Papierblätter um mich herum verstreut sind. Und warum ich weine.
Ich lege meine rechte Hand auf die pochende Stelle meines Herzens. Hier ist alles drin und da oben, im Kopf. Alles was zählt ist da drin.
Da kann nichts verloren gehen und wenn es vergessen geht, dann war es nicht mehr von Bedeutung.

“Lass los. Wirf alles weg. Nomaden tragen keinen Balast, wenn sie weiter ziehen.”

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Schwimm !

Es war einer dieser Sommer, die sich unvergesslich in das Hirn einbrennen, wie ein Tattoo. Ich war elf oder zwölf, genau weiss ich es nicht mehr. Nur noch, dass ich nicht vierzehn war: Vierzehn sein war wichtig. Noch besser war sechzehn.
Keiner wusste richtig, warum das so ist. Es war einfach so.
Vierzehn war cool. Das hatte mit Jungs zu tun, mit abends länger draussen bleiben dürfen. Mit Brüsten, die sichtbar wuchsen und mit Küssen. Ja, mit Küssen, die heimlich nach der Schule geteilt wurden und von denen man hinter vorgehaltener Hand erzählte.

Es war eben Sommer und da war dieses Floss, das im See vertäut war. (Wir verbrachten die Sommer am See und die Winter auf den Ski in den Bergen. Was anderes hatten wir nicht.)
Auf dem Floss tummelten sich die Jungs und eben die Mädchen, die über vierzehn waren. Die Grossen, die coolen. Wir anderen planschten im Wasser herum und sahen neidisch vom Ufer aus dem Treiben zu. Offenbar hatten sie etwa da draussen, was wir nicht hatten.
Ich war eine gute Schwimmerin, mochte es aber nicht, wenn ich die Tiefe unter mir nicht einschätzen konnte. Mag ich noch immer nicht. Ausserdem wuchs Seegras dort und es gab Gerüchte über Hechte, die so gross wie ein Mann sind. Sie bissen gelegentlich den Badenden in die Füsse, sagte man sich.

Jemand sagte: “Wer traut sich?” “Was den?” “Na, da zum Floss schwimmen.” “Und dann?” Fragte ich, sehr interessiert, da bin ich sicher.”Auf das Floss steigen, winken und wieder zurück schwimmen!”
Wir wussten, dass die Grossen auf dem Floss niemanden auf die schwimmende Insel steigen lassen. Dieser Versuch war zum Scheitern verurteilt. Definitv. Ich weiss auch nicht, welcher Teufel mich ritt, als ich sagte: “Ich machs.”

Dieser Moment der Stille. Die unbegrenzte Bewunderung in den Augen der Schulkollegen, die mich umgaben. Die Sonne schien, es war heiss und mir schien, alles sei möglich. wasser

Ich schwamm los. Als ich mich umdrehte, wurden die Freunde am Ufer kleiner, wie Riesen die zu Mäusen schrumpfen. Mit zunehmender Entfernung nahm das eklige Seegras ab, das meine Füsse kitzelte  und das Wasser wurde kühler. Ich schwamm zügig, redete mir ein, dass alles machbar ist, wenn man es will. (Sagte mein Opa immer. Er log nicht.)
Noch ein paar Meter trennten mich vom Floss. Ein Dutzend der Oberstufenschüler befanden sich darauf, ein paar waren aufmerksam geworden und aufgestanden, um mich zu beobachten. Ich, der Feind. Angriff auf ihr Refugium.

Noch drei Meter, mehr nicht, trennten mich von der Leiter, die ich hinauf klettern wollte, als etwas meine Fusssohle streifte:  Etwas unsäglich grosses schwamm in diesem Augenblick unter mir hindurch und strich (mit einer Flosse ?) an meinen Waden entlang. Ich fing an zu zappeln, ruderte mit den Armen und schluckte Wasser. Die Köpfe der grossen Jungs ragten als verschwommene Konturen über mir hervor. Sie lachten. Natürlich lachten sie. Glaube ich, ich weiss es nicht mehr so genau.

Jemand zog mich auf das Floss, sie schüttelten mich, weil ich um mich schlug. Und sagten, dass sie ein Paddelboot vom Ufer holen, das mich zurück bringt. Vom Ufer aus gesehen sah es vermutlich so aus, als wäre ich herzlich und voller Wärme auf dem Floss willkommen geheissen worden. Gleichzeitig wand ich meine ganzen Redekünste auf, um die anderen daran zu hindern, mich in ein Boot zu verfrachten.

Ich schwamm zurück. Für einen winzigen Moment war ich ein Held, als ich am Ufer ankam, ich hatte es geschafft. Ich war dort und ich war oben. Der Triumph dauerte so kurz, wie der erste vom Floss an Land war und erzählte, wie ich gerettet werden musste.

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Kyla La Grange

Einer dieser Songs, die in mir Bilder aufziehen lassen: Vor allem das letzte Viertel des Clips.

Diese Woche habe ich viel gearbeitet. Ich war abends zu müde, um eure Blogs zu lesen oder hier etwas zu schreiben.
Morgen mehr. Oder übermorgen.

Gute Nacht da draussen.

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Lila und Neu

Ich habe mich entschieden, für meine Rolle als Autorin eine eigene Site zu machen.
Dort werden News publiziert, die das Buch betreffen, Geschichten dahinter oder sie dient einfach als Kontakt für Leser, die mich als Madame Lila nicht kennen.

Ich werde dort auch aktiv sein, was Neuerscheinungen betrifft: Es war für mich nie die Option, einfach mal ein Buch zu schreiben und thats it. Inzwischen bin ich bereits mit einem neuen Projekt, sprich Roman, beschäftigt.

Für euch, die mich hier kennen gelernt haben, bleibt alles soweit beim alten. Es wird immer mal wieder Impressionen aus meinem Leben geben, gefühltes, gesehenes, gedachtes. Es wird Phasen geben, da wird es ruhiger sein. (Ich habe noch einen Job mit dem ich meine Brötchen verdiene.) Und ich erlaube mir, auch mal ganz viele Texte hier hinein zu posten.
Je nachdem, wie mir ist und worauf ich gerade Lust habe.
Ich hoffe, ihr bleibt mir treu. Als Lila. Dürft mich gerne auch als Danielle in euer Leben lassen. Wie ihr wollt.

Herzlich,

Lila Danielle

Danielle Ochsner.com

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