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TraumWelt

Montag.
Wir können uns die Welt erschaffen, die uns glücklich macht. Das geht. Aber tun müssen wir es selbst, das nimmt uns niemand ab.
In diesem Sinn: Startet kreativ in die neue Woche.

:::::::Lila:::::::

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Morpheus und die Trauer des Erwachens

“Etwas ist anders heute, einfach anders. Ich kann es nicht erklären.”
Der Mann sitzt auf seinem Bett, die Füsse stecken in bequemen Pantoffeln (Finken, ich muss das loswerden. In der Schweiz sprechen wir von Finken.) mit rutschfester Sohle. Die weissen Haare sind schlafzerzaust, sein Blick müde, das Gesicht zerknittert. Ein bisschen ähnelt er einem alten Baum, der sich trotzig der Axt entgegen stellt, die ihn fällen will. Kein Tod, sterben tun nur die anderen. Die rechte Hand gleitet zur Schulter, er verzieht das Gesicht: Schmerzen.
“Wissen Sie wo meine Freundin ist?” Ich umgehe die Frage, helfe ihm beim Ausziehen des Pyjamaoberteils, ziehe es schwungvoll über seinen Kopf. Während ich eine Creme auftrage, die gegen Schmerzen sein soll und viel mehr verspricht, als sie hält, erzähle ich etwas. Irgendwas. Wichtig ist nicht der Inhalt des Gesagten, sondern die Melodie der Worte.
“Wissen Sie, wo meine Freundin ist?” Natürlich weiss ich das: Dunkle, winterschwere Erdbrocken liegen auf ihr. Sie ruht in einem Kokoon aus Holz, verschraubt mit rostfreien Nägeln, wegen der Feuchtigkeit im Boden. Seit ein paar Monaten schon. Seither ist er alleine.
“Sie ist gestorben. Im letzten Dezember.” Ich sage das ohne Anzeichen einer Emotion, ruhig und gelassen. So ist es am Besten. Dabei sehe ich sie vor mir, ihr Lachen und den zähen Charakter, der sie so alt werden liess.
“Aber. Nein. Das kann nicht sein. Das wüsste ich doch! Das hat mir niemand gesagt!” Ich bin auf seine Trauer vorbereitet. Jeden Tag, wenn ich bei ihm bin, weiss ich, worauf es hinaus geht. Anfangs erklärte ich es ihm wortreich, tröstend. Inzwischen schiebe ich die Schublade seines Nachttisches auf, ziehe den Bogen mit der Todesnachricht hervor und gebe es ihm zu lesen. Seine Augen sind noch gut, er liest mit zitternden Händen, während ich neben ihm auf dem Bett sitze und warte.

“Sie war doch noch so jung. Das ist nicht fair.” Sagt er. Ich sage:” Sie war 97.”

Er schüttelt den Kopf. Etwas klickt in da oben, als würde ein passendes Puzzlestück, vergessen geglaubt, in die richtige Form rutschen. “Ja. Welchen Tag haben wir heute?” “Sonntag. Haben Sie Hunger?”

“Und wie!” Er lächelt. Alles ist gut.
Nachts, wenn Morpheus sein Spiel in den Träumen der Menschen spielt, taucht die Frage wieder auf. Wo ist meine Freundin? Sie war doch nicht so jung.

(Kannst du dich erinnern? Der gleiche Mann hat an Weihnachten des Stuhl neben sich frei gehalten. Für die Freundin, die damals schon tot war. Für alle. Aber nicht für ihn.)

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There’s a light

Hör dir mal diesen Song an.
Spürst du das, wenn du dabei die Augen schliesst? Ganz tief unten, irgendwo in deinem Bauch?

Das Gefühl ist so, als würden Schmetterlinge zu ihrem ersten Flug nach einem langen, kalten, Winter aufbrechen.
Findest du nicht? Nein? Dann hör nochmals hin…

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Ich werde dich verlassen

“Was gibt es zu Essen ?” fragt er und kratzt sich am Hals.

Sie würde Jean-Jacques verlassen. Morgen.

Zuerst würde sie zur Bank spazieren, ganz bedächtig weil sie alle Zeit der Welt haben würde, und dort ihr erspartes abheben.Viel war es ja nicht, aber es würde reichen für das, was sie vorhatte. Gegenüber der Bank ist ein kleines Bistro, dort sitzen abends meistens die Männer und trinken ein Bier, bevor sie heim gehen. Jean-Jacques tat das auch. Dorthin würde sie gehen, sich auf einen der hohen Stühle an der Bar setzen und einen Pastis trinken.

Ohne Eis.
Bitte, ohne Eis.

Mit den Füssen in der Luft und dem kalten Glas in der Hand würde sie sich ausdenken, was sie im Brief schreiben würde.Ich habe dich verlassen, Jean-Jacques ! War nicht dramatisch genug: Sie hatte im Lauf der Jahre mit ihm schon unzählige Abschiedsbriefe geschrieben, gedanklich, jetzt ging es nur noch darum, den passenden Text in ihrem reichhaltigen Schatz zu finden. Anschliessend würde sie zu Papeterie gehen.

“Briefpapier bitte. Das schöne, mit dem Wasserzeichen.”

Würde sie zur Verkäuferin sagen, dem jungen Mädchen, die immer bunte Fingernägel trägt und grosse Creolen an den Ohren. Ob mir das auch stehen würde? Soll ich? Sie würde das Schreibpapier sorgfältig in ihre Handtasche schieben, schliesslich ist es der Audi unter den Papieren und teuer wars auch noch.
An diesem Punkt des Plans war sie sich nicht schlüssig, ob sie die kleine Shell Tankstelle ausrauben würde und mit dem kleinen, roten Cabrio des Besitzers (er war der Schwager des Bruders von Jean-Jacques ), an die Küste fliehen.

Oder doch lieber die Bahn nehmen sollte. Zuerst aber würde sie aber auf der Parkbank bei der alten Schule den Brief schreiben:

 Lieber Jean-Jacques !

Blablabla.Niemals geliebt. Blablabla.Such mich nicht!Blablabla.Ich bin weg. Bla.

Drüber bei der Post würde sie eine Briefmarke kaufen:” Haben sie eine mit einem Vogel drauf ?” Er mochte Vögel. Die Briefmarke ablecken und  aufkleben, auf das teure, exklusive Couvert von der Papeterie.Abschliessend mit zitternden Händen ein paar mysteriöse Zeichen auf den Brief malen: Schutz und Loslassen und Glück.Tschakatschaka. Dann den Brief in den Schlitz des weissen  Briefkastens werfen: Frei!

An dieser Stelle war sie sich nicht ganz sicher wie es weitergehen würde:Sollte sie vielleicht doch die Tankstelle überfallen, zuerst ? Das Geld könnte sie allemal brauchen, für das, was sie vorhatte ?

“Was gibt denn jetzt  zu Essen ?” fragt er erneut, diesmal klang es drindend.

“Pot-au-feu . Das magst du doch. Setz dich, bin gleich soweit…” antwortete sie.

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Das Glück im Einmachglas

Ich werde Einmachgläser kaufen. Jede Menge davon. Um sie alle zu füllen mit Dingen, die mir lieb geworden sind. Oder solchen, die wie ein Orkan durch mich hindurch gefegt sind und Spuren hinterlassen haben.

In ein Glas würde ich ein gestohlenes Lachen, das helle, strahlende, meiner Mitbewohnerin stecken. Wenn sie glücklich ist, und das ist sie meistens, wandert ihr Lachen zu den grünen Augen und tupft goldene Lichter dort hinein.

In ein anderes Glas käme mindestens einer dieser berührenden Sätze, mit denen mein jüngerer Mitbewohner mir regelmässig den Atem nimmt.Weil sie so treffend sind und mir zeigen, wie gut er mich kennt.

Ein Stück Farbe würde in ein anderes Glas kommen. Die Farbe, mit der wir zu viert an einem der letzten Sonntage die Wand gestrichen haben. Herumalbernd, kichernd und mit dem satten Ton, der klebrige Farbe an sich hat, wenn sie mit dem Roller aufgetragen wird. (Hast du das schon mal gehört ? Ich liebe es.)

Eine gestohlene Locke käme auch in ein Glas. Sie rollt sich ein wie eine Schnecke hinten im Nacken, wenn der Träger dieser Locke leicht anfängt zu schwitzen. Erst dann biegen sich die Haare zu einer trotzigen Welle, die anfängt sich zu kräuseln.

Das Lachen, dieses unbeschwerte laute Lachen, dessen Ursache mein Wolf ist: Wenn er glücklich über die Felder rennt, sein langes Fell zerzaust wie im Sturm. Weil ich in diesen Momenten so unendlich glücklich bin, so viel pure Seligkeit verspüre, dass ich es fast nicht aushalte. Das würde ich auch gerne in ein Einmachglas pusten. Für trübe Tage.

Das hier käme auch in ein Glas. Nur ein winziger Tupfer, soviel wie auf meinen Zeigefinger passt. Weil es so glücklich macht. Mehr nicht. Weniger aber auch nicht.

Musik. Meine Lieblingssongs, die wechseln täglich, müssten auch in ein Glas. Von jedem Song, der mich momentan in Verzückung bringt, drei Töne. Nur drei. (Findest du das albern und wenig ? Nein. Schau. Womöglich ergibt dich dadurch eine neue, nie gehörte Harmonie. Ich hätte nicht nur einen Tonvorrat, sondern ein ganz neues Lied. Ein ganz persönliches.)

Ich hätte gerne ein paar Haare meiner Katze in einem Glas. Der Diva, die ihr Futter nur isst, wenn man so tut, als würde man ihr neues geben. Aber es nicht tut. Sondern nur mit den Fingern im Napf knuspert. Ihr Fell ist weich und warm.
Manchmal liebt sie es, wenn sie gestreichelt wird. Oft nicht. Sie entscheidet. Und das macht es zu einem spannenden Spiel: Ich will immer. Sie nicht.

Die Stille würde ich in ein Glas einsperren. Jene Stille absolute Stille, die ich jetzt höre, wenn ich aufhöre zu tippen.
Da ist nichts, nur das gelegentliche Atmen des Wolfes am Boden neben mir. Sonst nichts. Nicht mal das Rauschen des Windes, Schnee der vom Dach tropft…Nichts.

Ein Stück des selbstbestimmenden Tages würde ich in ein Glas legen, ganz vorsichtig. Dann, wenn ich frei habe und morgens aus einem Traum erwache und mir bewusst wird, dass ich heute nichts muss.
Nur tun darf, was  ich tun will. Und nicht mal das.

Ein Glas hätte ich nur für die berauschenden Sätze aus Büchern, die ich mir immer merken will und natürlich vergesse.
Die Sätze, die mein Denken verändern, die Klappen in meinem Kopf öffnen und mein eigenes Denken fliegen lassen. Um vermählt mit anderen Gedanken zurück kommen.

Menschen darf man nicht einsperren. Niemals. Auch nicht in Einmachgläser. Aber ihren Duft vielleicht?

Ich würde diese Gläser nebeneinander stellen, sie womöglich beschriften. Jedes Glas mit einer anderen Farbe. Und täglich käme ein halbes Dutzend neuer Gläser dazu.
Ganz bestimmt.

Was würdest du sammeln ?

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Eine Liebe, mehr als 08/15

In meiner Hand trug ich eine Orange, als sie in meine Nähe kam. Zuerst widmete ich ihr keinerlei Aufmerksamkeit. Warum sollte ich? Es war Samstag, wir befanden uns bei der Obstabteilung eines Supermarktes. Also was?
Ich dachte über die Menuplanung des Abends nach, wog Orangen, Paprika, Äpfel ab. Hob die Tüten in den Einkaufswagen, schob ihn gemächlich um die Bojen herum, die Menschen waren. Keinen Stress.
Dann nahm ich sie wahr: Gross, schlank, mit unglaublich langen Haaren, die ich nie in meinem Leben züchten kann. Die Augen, von tiefem Blau, ultramarin nennt man das, glänzten wie Murmeln. Die Anwesenheit gab dem Raum etwas strahlendes, als wären alle Lichter angegangen. Die Orangen leuchteten wie gefallene Sonnen neben ihr.
Die Szene war wie in einem Film: Der Vorspann lief, die Protagonistin durchquert den Raum. Gemächlich. Einen Fuss vor den anderen setzend, der Wirkung bewusst sein, die man auslöst.

Dann sah ich den Mann an ihrer Seite: 08/15. Untersetzt, Bauchansatz, leichte Glatze. Der Mund offen stehend, was ihm einen leicht dümmlichen Ausdruck verlieh. Die linke Hand umschloss ihre, er wirkte glücklich.

Ich ging zum Salat über, strich mit der Hand über die grünen Blätter. Wischte das Nass an meiner Jeans ab, das meine Finger jetzt überzog. Ein Salat muss nass glänzen, damit er frisch wirkt.
Als ich mich nach ihr umdrehte, war sie verschwunden. Nein, doch nicht. Sie hatte sich verändert: Ihre Haare hatten jetzt dringend eine neue Färbung nötig, glanzlos durch konsequentes Strecken. Augenringe, fahle Haut. Eine müde Haltung wegen eingezogenen Schultern. Übergewichtig, dicke Beine in fadenscheinigen Leggins. Nichts an sich, was annähernd einen Hauch von edlem Glanz an sich hatte.
Magie?
Nein. Nichts dergleichen. Ich hatte sie einen Augenblick durch die Augen ihres Mannes gesehen. Mehr nicht. Empfand dieses Glück, das er ausstrahlte, mit der ganz besonderen Frau zusammen zu sein, die für ihn die wunderschönste aller ist. War für eine Sequenz im Zauber der Beziehung drin, die noch intakt und von spezieller Intimität ist.

Ich schloss die Augen. Öffnete sie wieder und konnte den innigen Blick sehen, mit dem die Frau ihn musterte, während beide an der Fleischtheke standen.
Was für ein schöner Mann! Gross, schlank. Blaue Augen und schwarze Haare und….

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Selbstliebe

Eine der schönsten Szenen aus  Luc Bessons Film Angel A.
Nachdem ich ein paar Tage krank im Bett lag, fange ich heute wieder an zu leben.
Ich meine….so richtig alles wahrzunehmen und mich selbst anders als wattigkrank zu spüren.

Und Zeit mal wieder Ich liebe dich zu sagen.Sich selbst. Anderen.
Wichtig ist, dass wir es tun.

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