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Dankeschön

Samstagabend in Zürich. Die Vorstellung ist zu Ende, die Leute strömen geballt dem Ausgang zu. Die Raucher wolle endlich an die frische Luft, die anderen nichts wie in die nächste Bar oder heim.
Ihre Mäntel und Jacken haben sie an der Garderobe abgegeben. Das macht man so.
Es ist kurz vor Weihnachten: Kitschige Lüster verbreiten eine milde Atmosphäre, weisse Kerzen auf goldenen Tellern. Viel roter Samt, noch mehr roter Teppich. Letzteres schluckt die Geräusche der Highheels: Kein typisches Klickklack, eher ein gedämpftes wooof. Wie samtene Pfoten auf nassem Gras.

Ein Tumult am Tresen, wo die Jacken  wieder heraus gegeben werden: Man hält die Nummer, geprägt auf einer silbernen Scheibe, einem Garderobiere hin und erhält den Mantel wieder zurück. Es wird gedrängelt, gestossen.
Die ganz eiligen quetschen sich seitwärts an den Wartenden vorbei, ernten böse Blicke. Andere stehen ruhig da, warten, bis sie an der Reihe sind. Diese werden immer wieder überholt, links und rechts und auf beiden Seiten gleichzeitig. Während die jungen Männer, das sind die Garderobieren nämlich, in raschem Tempo hin und her huschen, Jacken heraus geben, sich den Schweiss abwischen. Den Blick zur nächsten Nummer, rasch zum entsprechenden Bügel…Schnell muss es gehen.

Als ich an die Reihe komme, dauert es fünf Sekunden bis er mir das aushändigt, was mir zusteht. Bevor er sich jemand anderem zuwendet, lächle ich ihn an und sage hörbar: „Dankeschön.“

Ich glaube daran, dass die Welt eine bessere wäre, wenn wir öfters Danke sagen und das wertschätzen, was die Menschen tun. Egal was sie tun. Weil alles eine besondere Bedeutung hat, weil alles zusammenhängt.

Er erstarrt einen Augenblick, hebt den Kopf und schaut mir direkt in die Augen, lächelt zurück. „Bitte. Gerne“, erwidert er mit einem französischen Akzent. Für eine kurze Weile existiert nichts weiter, als dieses Einverständnis zwischen zwei Menschen, die sich nie mehr wieder sehen. Und das geteilte Lächeln.

 

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Landstreicher

Ich bin in einem Tal in der Schweiz aufgewachsen, das von Bergen umgeben ist: Wie die Zacken einer Krone. Unten sind die Menschen, ringsherum die Berge. Die ganz hohen, die beinahe 2000 Meter erreichen, tragen Mützen aus Schnee bis Ende Juni.
Diese Gegend gebar auch besondere Menschen mit einem Dialekt, über den zuweilen in anderen Kantonen gelächelt wird. Man erkennt sie, sobald sie reden. Als ich mit achtzehn das Tal verliess und in die Stadt zog, war dieser Dialekt das erste, was ich mir entledigte. Wie einen alten Mantel, zu schäbig geworden für die Urbanität.
(Tatsache war, dass ich das Lachen der Leute um mich herum nicht ertrug. Also legte ich diese Mundart weg und band mir eine gefälligere Sprache um.)

Auf meinem Weg zur Schule, begegnete ich öfters Beda. Er war damals schon alt, bärtig,  sauber gekleidet, wenn auch von einfacher Art, und trug meistens eine Staffelei unter dem Arm. Man kannte ihn, jeder wusste, wer er war. Man sagte, dass er in Scheunen schlief, selten sprach und davon lebte, dass er seine Bilder verkaufte.
Er beeindruckte mich in einer Welt der Konformität, in der ein rebellisches Herz oft keinen Platz fand. Beda war der erste Clochard, den ich kannte. (Wobei ich damals noch kein Wort für diese Lebensform hatte. Landstreicher sagte man. Beda strich auch herum und Leinwände an.)
Für mich war dieser Freigeist oft Quelle vieler Geschichten und Gedanken, die ich mir machte. Wo schläft er? Hat er Eltern? Ist er nicht zur Schule gegangen? Warum ist er so?

Die Antworten gab ich mir selber, indem ich um ihn herum Geschichten erfand. Alles war möglich, weil meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt wurde. Schon gar nicht von Beda selbst, da wir Kinder ihm ein bisschen aus dem Weg gingen: Er blieb fremd, in seiner selbstbestimmten Lebensart. Dafür gewann er dadurch für mich an Mystik und einer gewissen Faszination.

Irgendwann war er weg, aus dem Dorfbild verschwunden. Oder meine Augen, inzwischen pubertär und eher daran interessiert, wie ich dieses winzige Tal gegen die grosse Welt tauschen kann, blind für ihn.
Vergessen habe ich ihn nie.
Und jetzt, da ich ein neues Buchprojekt begonnen habe, darf er darin eine Rolle spielen. Eine kleine zwar, aber dennoch eine, die prägend ist und den Charakter des Tales besser beschreibt, als manches andere.

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Lippenstift und Kuhfladen

Sie geht in den Park und setzt sich auf eine Bank. Lässt die Menschen an sich vorbei ziehen, als wäre sie kein Teil dieser Masse. Sie schweigt, weil Alleine sein zuweilen ein Luxus ist.

Oder sie geht in ein Café. Sie hat kein Rendez-vous und mit niemandem abgemacht. Vielleicht möchte sie einfach den Mann neben ihr sehen, dessen Haar so schütter ist wie die Falten zahlreich in dem bleichen Gesicht. Die Bedienung, Pferdeschwanz, schwarze Jeans und ein üppiger, sehr rot geschminkter Mund, bringt den Kaffee: Schwarz. Sie mag den Milchschaum nicht, der modern oben wie eine Wolke thront.buch
Die ältere Dame füttert die Hälfte ihres Kuchens an einen kleinen, dicken Hund. Er sitzt unter dem Tisch, sein Bauch hängt auf ihre roten Ballerinas.
Braucht sie einen Grund, um hier zu sitzen? Vielleicht. Also gräbt sie in ihrer Tasche, sehr gross und voller Dinge, die sie nicht braucht, und fördert ein Buch zu Tage. Ein belangloser Titel, nichtssagendes Cover. Sie kann so tun, als würde sie darin lesen und über dem Rand die Leute beobachten.

Sie sind aufs Land gezogen, der Kinder wegen. Die brauchen frische Luft und die Möglichkeit, auf Bäume klettern zu können. Ist es nicht so?
Bisher kannte sie nur die Melodie der Stadt: Hupende Autos, die Bahn, das Rumpeln des Müllwagens, frühmorgens. Grüne Wiesen und Berge mochte sie am Liebsten in Dokus am TV oder auf Gemälden in einer der Ausstellungen. Als er ihr das Haus zeigte, in dem er ihr die zwei geplanten Kinder machen wollte, rutschte sie mit ihren Schuhen auf der Wiese aus.
(Ihre erste Anschaffung sollten Regenstiefel sein mit einer dicken Sohle. Sie pfiff auf Stil und kaufte sie im Laden für Landwirtschaftsbedarf.)
Sie hat sich daran gewöhnt, an die Luft, die Stille um sie herum und hat sich angewöhnt, wann immer es geht, in die Stadt zu fahren.

Dann setzt sie sich auf eine Parkbank oder in ein Café und tut so, als würde sie lesen. Sie inhaliert das pulsierende Leben, den Lärm der Autos, die Frauen mit roten Lippen, so rot, als würden sie ausbluten.
Nach zwei Stunden und drei Kaffees, schwarz wie die Nacht, zittert sie ein bisschen, wenn sie ihre Tasche nimmt und durch die Glastür geht. (Zuviel Koffein macht sie immer nervös.) Wenn sie bei ihrem Auto angelangt ist, gräbt sie das erste Mal seit Mittag das Handy aus der Tasche. Sie liest die Nachrichten mit zusammengekniffenen Lippen. „War bei der Kosmetikerin, fahre jetzt heim.“ Schreibt sie zurück, richtet sich die Haare im Rückspiegel und startet den Motor.

Vielleicht sollte sie sich auch mal wieder einen knallroten Lippenstift kaufen. Sie würde das nächste Mal die Bedienung im Café fragen, welches rot sie trägt.

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N.e.i.d.

Ne̱i̱d Substantiv [der]
Das schlechte Gefühl, das man hat, wenn andere etwas haben, das man selbst gerne hätte, aber nicht hat.

Neid hat viele Gesichter: Es können Freunde sein, die sich abwenden oder sich auf Facebook von dir stumm verabschieden. Die über dich lästern und dich schlecht machen, weil du irgendwas hast, was sie auch haben möchten. Sie denken, es steht dir nicht zu. Aber Ihnen, sie hätten es verdient, du nicht.

Beispielsweise ein Buch, das du veröffentlicht hast: Sie sehen die Arbeit nicht, das stundenlange sitzen an der Geschichte, die Korrekturen, die Gespräche mit Leuten im Rahmen der Recherche. Abends, nach Feierabend bis tief in die Nacht.
Ihnen würde ich gerne sagen, sofern sie mir überhaupt zuhören würden: „Mach mal. Schreib. Setz dich hin und schreib deine Geschichte. Ich bin nichts Besonderes. Im Gegenteil: Schau dir mal die Listen der erfolgreichen Bücher an. DAS sind Autoren. Ach sooo. Die Tantiemen? Die sind lächerlich gering. Für jedes verkaufte  Buch kann ich einen Kaffee bezahlen. Nicht bei Starbucks, da braucht es drei verkaufte Bücher. Also mach. Schreib dein eigenes Buch.“

Irgendwo habe ich mal ein Sprichwort gelesen: Die Kerze des anderen ausblasen, lässt deine eigene nicht heller leuchten.

In Frankreich kennt man das Wort Neid in diesem Sinn nicht. Envie bedeutet Lust. Die Begierde nach etwas. Das kann ein Stück Kuchen sein, die Frau des Nachbarn oder eine Reise nach Timbuktu. En vie. Am Leben sein.

Mir gefällt die französische Definition viel besser.

Herzlich,

Lila

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Lebenszeichen

aebfd82a57966f9319a6dc1ca80e9efcIch bin umgezogen und finde mich am neuen Ort langsam zurecht. Der Umzug kam zu einem guten Zeitpunkt und macht glücklich: Von einem sehr kleinen Landdorf zog ich in die nächst grössere Kleinstadt. Der Hund hat weiterhin einen Garten, in dem er sich austoben kann und ich lebe plötzlich so zentral, dass ich mit der S-Bahn rasch überall sein kann. (Bisher kam ich ohne das alte Auto nicht zur Arbeit, nicht ohne einen komplizierten Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen, der mich gezwungen hätte, das Haus morgens um halb fünf zu verlassen.)
Wenn ich an meinem Schreibplatz sitze, sehe ich ich Wohnhäuser um mich herum. Noch immer ländlich, mit spitzigen Ziegeldächern und Bäumen. Ich sehe den Bahnhof, ein Endbahnhof: Hier fährt keine Bahn durch, sie hält und dreht wieder. Menschen stehen neben dem Bahnhofshäuschen, reiben sich müde die Augen, trinken RedBull aus Büchsen und wünschen sich zurück ins Bett. Das leise Blingbling des Bahnübergangs hat sich in meine Gewohnheit eingeschlichen.

Auf meiner letzten Runde abends mit dem Wolf, schleichen wird durch Quartiere. Leise und neugierig. Schlendern dem Bach entlang, entdecken vergessene Gärten, alte Villen. Wir blicken in erleuchtete Fenster, erschrecken durch Katzen, die unerwartet den Weg kreuzen, wir überqueren den Bach auf Brücken, die ausschliesslich für Fussgänger gemacht sind.
Wenn wir aber den Weg vom Haus nach rechts gehen, stehen Wolf und ich vor türkischen Kebab, einem Pizzalieferservice, vor Restaurants und Bars. Vor dem Coop, dem Migros und einem Friseur, der mich mit einer Werbung im Schaufenster darauf aufmerksam macht, dass ich schöner sein könnte. Ich müsste nur eine andere Frisur haben. (Mir egal. Ich trage die Haare zusammengebunden unter meine Mütze gewurschtelt.)

Woran ich mich bisher nicht gewöhnt habe ist die Tatsache, dass ich morgens nicht mit meinem Pijama in den Garten kann, zusammen mit einer grossen Tasse Kaffee. Könnte ich schon. Ich will aber nicht, dass jeder hier sieht, dass ich weisse Sternchen auf rotem Grund in der Nacht trage.
(Nein. Foto davon wird es nicht geben. )

Herzlich,
Lila

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Zeit-los

Die Tage vergehen zuweilen viel zu schnell.
Ich habe euch hier nicht vergessen, wie könnte ich….Es ist nur so, dass ich nächste Woche umziehe und einfach irgendwie zu nichts komme. Der Umzug ist ein wichtiger Schritt, hat viel mit loslassen zu tun: Sich von lieb gewonnenem trennen. Wegwerfen. Behalten. Oder doch nicht?
Woanders neu beginnen, mal wieder.

Die Tote von Saint-Loup verkauft sich besser als erwartet. (Ich hatte ehrlich gesagt, nichts erwartet, um nicht enttäuscht zu sein. „Ich habe dein Buch gekauft.“-„Ach. DU warst das?!“ Blöder Witz, nicht?)
Ich bin an der Planung des nächsten Buches, mache Recherche, wenn es die Zeit zu lässt, rede mit Leuten. Terminiere Interviews. Am meisten freue ich mich auf den Tag, an dem ich los schreiben kann.
Der Prozess des Schreibens ist ein kreativer: Ich platze beinahe innerlich, weil ich all die Impressionen nicht aus dem Kopf schütteln kann, die unbedingt niedergeschrieben werden wollen.

Brötchen verdienen sollte ich auch noch, ich kann nicht von den Äpfeln leben, die der Baum im Garten her gibt.
Also reicht die Zeit nie für alles, was ich will-muss-sollte-kann.
Wir sehen uns bald, hier. Sobald ich mich am neuen Ort etwas eingerichtet habe.
(Es hat dort einen Mirabellenbaum und einen Apfelbaum und noch so vieles, von dem ich nichts weiss.)

Passt auf euch auf, Herbstmenschen.
Herzlich,

Danielle

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Die Würde des Menschen

Eritrea
Syrien
Kosovo
Bosnien
Mazedonien
Kroatien
Türkei
Peru
Portugal
Spanien
England
Sri Lanka
Thailand
Indien
Deutschland
Ukraine
Estland
Belgien
Tibet
Marokko
Italien
USA

Was ich hier mache?
Nun, ich schreibe die Nationalitäten der Menschen auf, die in den letzten Jahren mit mir zusammen gearbeitet haben.
(Wir sind eine soziale Institution und erfüllen unseren Auftrag, Leute zu beschäftigen, ohne auf ihre Herkunft zu achten,)
Sie alle sind Menschen wie du und ich: Sie lieben ihre Kinder genau wie ich meine.
Uns unterscheidet nichts und wenn doch, dann sind es die nationalen Unterschiede ihres Landes und der Traditionen.
Spannend, wenn man sich neugierig und offen darauf einlässt.

Sie sind nicht besser als ich, aber auch nicht schlechter.

Und wenn sie auf der Flucht sind, dann brauchen sie unsere Unterstützung. Weil niemand freiwillig seine Heimat verlässt nur aus Spass.

Heute fragte ich eine Frau, woher sie kommt. „Aus Aarau.“ Erwiderte sie. Ich deutete an, dass mich die Herkunft interessiert. „Syrien.“ Sagte sie und ich wir kamen ins Gespräch. Eine Viertelstunde später lud sie mich zu sich nach Hause zum Essen ein.
„Selbstgekochtes Essen, wie Kurden essen. “
Ich freue mich schon auf den Abend und ich bin sicher, dass wir feststellen werden, dass uns ganz viel verbindet.
Weil wir in erster Linie Menschen sind. Nur das Land ist anders und niemand kann sich aussuchen, wo er geboren wird.

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